Journalistin & Texterin

Gesternabend war es wieder einmal soweit. Ein kurzer Blick in das Forum einer Textergruppe und schlagartig schnellte der Blutdruck hoch, wobei der generell wirklich ein solides Optimalmaß von 120/80 aufweist. Eine junge Kollegin fragte nach, wie sie sich denn zu den gebotenen knapp 3 Cent/Wort auf einer Textplattform verhalten sollte. Ich hätte natürlich nur mit den Augen rollen und die Schultern ein erneutes Mal hochziehen können. "Not my circus, not my monkey", heißt es so schön. Und doch trifft es uns alle, die vom Schreiben leben, wenn solchen unmoralischen Angeboten immer wieder Nährboden gegeben wird. Dies ist ein kleiner Appell, doch endlich etwas mehr Edelfeder zu sein! Auf die Frage "Darf's etwas mehr sein?", einfach mal aus vollem Halse "Ja!" rufen, statt immer nur nach Einsparungen zu suchen bis man sich als Texter derart selbstoptimiert hat, dass einem "Angebote" von 3 Cent/Wort gerade noch hoch genug vorkommen. 

Höchste Zeit für die kollektive Notbremse

Diese Plattformen mit ihrem modernen Skalventum sind die Pest einer ganzen Branche. Jeder, der halbwegs rechnen kann (und auch als kreativer Freiberufler sollte das zur Grundausstattung gehören!), der weiß, dass zu solch absurden Preisen niemand arbeiten kann. Qualitativ und neudeutsch "unique" schon gar nicht. "Heutzutage kennen die Menschen von allem den Preis, aber nicht den Wert." Dieses Zitat des Schriftstellers Oscar Wilde könnte kaum aktueller sein. Zu diesem Spiel gehören natürlich immer zwei - die, die ausbeuten und die, die sich ausbeuten lassen. Einziger Profiteur: Der Betreiber einer solchen Auftragsplattform. Hier werden Werte vollkommen verzerrt. Sowohl, was die Arbeit als Texter betrifft, als auch den Wert eines Textes für ein Unternehmen. Immer wieder höre ich in Gesprächen mit Kollegen, die sich hoffnungsvoll mit einem Fuß in der Tür zum festen Kundenstamm wähnen, wenn sie sich auf diesen Plattformen die finanzielle Blöße geben, eine lange Liste von vermeintlichen "Ja, aber"-Argumenten. Ein schöner Selbstbetrug. Warum sollte jemand mehr bezahlen, wenn er eine Dienstleistung fast geschenkt bekommt? Da kann man die Kunden fast verstehen, die hoffen wir mal zum Großteil nur wider des Wissens auf diesen Plattformen inserieren und nicht aus reiner Geizmentalität. Ja, ich glaube noch an den Wert einer Arbeit und schon allein deshalb ist es unerträglich, dass zu viele Texter (leider ist das ein ungeschützter Begriff) Know-how und Handwerk mit Füßen treten. Und diejenigen, die dann immer mit dem "Argument", es sei ein Zuverdienst, ein Hobby, ein Zeitvertreib für gelangweilte Rentner und Hausfrauen - dem sei gesagt: Im Sinne all derer, die tatsächlich davon leben, macht den Wert einer Dienstleistung nicht kaputt. Mein kleiner Traum eines branchenimmanenten Verständnisses. 

Billig, billig, billig

Am Ende kommt es meist teurer. Denn billig ist noch lange nicht gut. Mal abgesehen davon, dass zum Texten viel mehr gehört, als Worte zu schinden. Konzeption, Wording, Recherche, Redigieren, Lektorieren, Korrigieren und und und. Und all das soll es für Centbeträge geben? Einfach mal laut aussprechen, dann hört man schnell, wie lächerlich das Ganze klingt. Warum machen sich insbesondere die Kreativen so schnell zum Dummkopf? Ja, das ist eine provokante Frage. Geld verdienen mit seinem Können ist alles andere als anrüchig. Was? Das macht auch noch Spaß? Wäre ja schlimm, wenn nicht! Aber auch das ist noch lange kein Grund, unterhalb jeden Minimums zu arbeiten. Da tatsächlich immer noch Vergleiche mit dem Handwerk fruchten - welche Maurer werden nach der Anzahl der verbrauchten Klinker, welche Tischler nach der der genutzten Schrauben bezahlt? Eben.

Wertschätzung hat durchaus auch etwas mit dem Preis zu tun - und fängt zuallererst bei uns selber an.

TAGGS: Wert, Wertschätzung, Text, Content, Preis, Honorar

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Ich hab lange gezögert, Bloggs gibt es schließlich wie Sand am Meer. Soll ich also auch noch bloggen? Je mehr ich darüber nachdachte, desto deutlicher und lauter wurde das "Ja" für diesen Schritt. Denn, was mir seit Jahren sauer aufstößt, braucht ein Ventil. Es gibt viele gute Bloggs von schreibenden Kollegen und ich will hier weder das 1x1 des Schreibens, noch "How to..."-Texte veröffentlichen. Seitdem ich vor wenigen Tagen einmal mehr über die despektierliche Bezeichnung "Schreiberling" bei einer Job-Ausschreibung gestoßen war, da platzte nicht nur erneut der innerliche Kragen. Auch mein zentrales, essentielles Blogthema brach sich den Weg - erst im Kopf, nun im Netz. In diesem Blog soll es um Wert & Wertschätzung kreativer Arbeit gehen. Zum Auftakt entzaubere ich einen vermeintlichen Euphemismus und erläutere, warum Schreiberling alles andere als ein Kompliment ist. 

Alles, nur nicht niedlich

Ganz im Gegenteil. Der Begriff ist abwertend. Geringschätzig. Kleinmachend. Wer ihn benutzt, sei es auf Seiten des Journalisten/Texters oder auf Seiten eines Kunden, der spiegelt darin auch eine Haltung wieder. Kann man wirklich mit jemandem ein Gespräch auf Augenhöhe führen, der auf der Suche nach einem "Schreiberling" ist? Nein! Auf Kundenseite hat derjenige nicht nur ein Händchen für eine schlechte Wortwahl (und braucht deshalb eigentlich unbedingt einen versierten Texter und keinen Schreiberling an seiner Seite!), sondern auch wenig (Sach)Verstand von der Leistung eines Texters. Als Schreibender bleibt man so der devote Bittsteller. Warum? Da ist dringend Nachhilfe über die Funktionen kreativer Dienstleistungen angebracht (dazu ein anderes Mal).

Bestenfalls ist es humoristisch gemeint - aber Humor ist bekanntlich nicht immer, wenn man lacht. Und ganz im Ernst, jeder, der ernsthaft ein Geschäft betreibt, der will keinen Schreiberling; der will einen Texter, der ihn und die Zielgruppe versteht. Der Inhalt (neudeutsch: Content) kreieren kann, der letztlich Geschäft und Leads realisiert, der positioniert, der herauskitzelt, wie man sich abhebt. Das ist eine Dienstleistung, die auf einem Handwerk beruht, das von Schreiberling so weit entfernt ist wie die Pole voneinander. 

Übrigens, auch Google mag echte Inhalte

Der Begriff Schreiberling ist nicht charmant - und ärgert immens (mich zumindest). Er mimiert eine ernsthafte Dienstleistung auf das Schinden von Zeilen oder Aneinanderkloppen von Buchstaben. All das macht aber noch lange keinen guten Text(er) aus. Das hat auch Google längst erkannt und straft das Geheische um Schlagwörter ab. Das ist gut und richtig so. Ein Text lebt nicht von der Fülle der eingesetzten Keywords - sondern deren richtiger Positionierung. 

Auf Du und Du mit dem Duden

Letztlich reicht auch der simple Blick ins Wörterbuch, um zu verstehen, dass Schreiberling keine adäquate Berufsbezeichnung eines professionellen Schreibers ist. Aber das ist das Dilemma, wenn man in einem kreativen Bereich arbeitet, für den es keinen Schutz gibt. Schreiben kann schließlich jeder, der das ABC beherrscht - so die fälschliche Annahme. Schreibling steht für "schlechten Journalisten und Autor" oder "Autor, der schlecht (und viel) schreibt" (siehe Duden). Und wer möchte das schon sein oder so jemanden seine (Unternehmens)Geschichten erzählen lassen? 

Wertschätzung & Wortwahl beginnt bei jedem selber. Wir sind alles, aber keine Schreiberlinge. Also, bitte etwas mehr Rückgrat und Sprachgefühl. 

 

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